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Was sind eigentlich Fintech-Start-ups und wieso sind sie so wichtig für das Überleben des Finanzplatzes im Zeitalter der Digitalisierung?

  • Fintech-Start-ups sind neu gegründete Unternehmen, die gewisse Teile der Wertschöpfungskette im Bankgeschäft als Spezialisten übernehmen und durch neue, teilweise innovative Technologien reformieren. Es werden bestehende Geschäftsmodelle neu interpretiert oder auch ganz neue Geschäftsmodelle ins Leben gerufen.
  • Fintech-Start-ups sind dabei nicht nur Anbieter für Endkunden, sondern auch Technologie-Zulieferer für Banken. Hierbei geht es häufig um Lösungen, die bei der Digitalisierung des Angebots helfen. Start-ups sind somit nicht zwangsläufig Konkurrenten für Banken, sondern wichtige Partner. Schon heute kommt kaum eine Bank ohne Partnerschaften zu Start-ups aus.
  • Der Finanzplatz stellt rund zehn Prozent aller Arbeitsplätze in der Schweiz und ist damit eine tragende Säule des Wohlstands im Land. Durch die Digitalisierung werden Arbeitsplätze nicht insgesamt verschwinden, sondern sie werden verlagert. Über Start-ups und Fintech-Anbieter können diese Arbeitsplätze im Land gehalten werden.
  • Die Schweiz zählt bereits gut 200 Fintech-Start-ups mit rund fünf bis zehn Neugründungen jeden Monat. Doch dies reicht nicht aus. Wenn die Schweiz nicht dringend in Start-up-Förderung investiert, drohen Wertschöpfung und Arbeitsplätze ins Ausland abzuwandern.

Wir befinden uns mitten in einer neuen industriellen Revolution. Die Frage, ob die Digitalisierung die Wirtschaft verändern wird, stellt sich längst nicht mehr, die Veränderungen sind bereits in Gang. Das Nutzerverhalten hat sich durch Internet und mobile Technologien komplett verändert. Anbieter in allen Branchen müssen sich diesem neuen Nutzerverhalten anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch Banking ist davon nicht ausgenommen.

Wie jede Umwälzung birgt auch die Digitalisierung Chancen und Risiken zugleich. Während gewisse Arbeitsplätze durch technischen Fortschritt wegrationalisiert werden, entstehen an anderer Stelle ganz neue Arbeitsplätze und Berufsbilder.

Die Welt war in den letzten 100 Jahren in Industrie- und Entwicklungsländer aufgeteilt; nun wird der Kuchen wieder neu verteilt. Märkte in Asien und Übersee sind auf dem Vormarsch, denn sie investieren massiv in Innovationen und in Start-ups und die Schweiz muss ihren Platz neu finden.

Laut Schweizerischer Bankiervereinigung bieten die Banken derzeit 167000 Arbeitsplätze, das sind zehn Prozent aller Arbeitsplätze der Schweiz. Der Finanzsektor zahlt knapp 20 Milliarden Franken Steuern, was die Bundesausgaben für soziale Wohlfahrt nahezu deckt. Der Finanzsektor ist also ein wichtiger Eckpfeiler des Wohlstands in unserem Land, den wir unbedingt zukunftsfähig gestalten sollten.

Fintech ist nicht Bedrohung, sondern Rettung.

Wer sich die Entwicklung der Finanzmärkte näher anschaut, sieht, dass der Finanzplatz Schweiz kontinuierlich an Relevanz verliert. Abgesehen von London spielt schon heute kaum mehr ein Finanzzentrum aus Westeuropa in derselben Liga wie beispielsweise New York, Hong Kong oder Singapur. Die erfolgreichsten Finanzzentren sind diejenigen, die frühzeitig auf Fintech und Innovation gesetzt haben.

Fintech ist also nicht Bedrohung, sondern Rettung. Dieser Effekt wird sich weiter fortsetzen, sodass selbst einstige finanzfremde Zentren durch Fintech in die Topliga der Finanzplätze aufsteigen werden. Schon die Dinosaurier mussten spüren, dass Überleben nichts mit Grösse oder Stärke zu tun hat, sondern einzig mit Anpassungsfähigkeit.

Und die Schweiz? Wo bleibt der Aufruhr? Wo die Massnahmenpakete?

In der Schweiz scheint man sich weiterhin im sicheren Sattel zu wähnen. Mit der Veröffentlichung des Digitalisierungsberichts zu Beginn dieses Jahres hat die Schweizer Politik sogar offiziell auf den Zuschauerrängen Platz genommen. Dabei ist der Finanzplatz der Schweiz gesamtwirtschaftlich viel zu wichtig, um einfach untätig abzuwarten.

Das Zeitalter der Giganten neigt sich dem Ende zu und die Schweiz muss dringend weg von Konservierungspolitik. Ursprünglich dominierten Institute den Finanzmarkt, die einen Grossteil der Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette in Eigenregie durchführten.

Doch diese Wertschöpfungskette wird mehr und mehr aufgebrochen. Spezialisierte Anbieter (Start-ups), bieten Teile dieser Wertschöpfungskette innovativer, effizienter, kostengünstiger und/oder mit besserem Kundenerlebnis an. Diese neuen Anbieter sind für traditionelle Banken nicht vorrangig Konkurrenten, sondern wichtige Partner. Schon heute kommt kaum eine Bank ohne Start-up-Partner aus – dies gilt aber auch umgekehrt.

Nicht kosmetische Fintech-Förderung, sondern Ausbau zum Finanzplatz 2.0

Das Ziel der Schweiz sollte es daher sein, nicht die ursprünglichen Giganten in alter Form zu konservieren, sondern einen Schritt weiterzudenken und die Wertschöpfungskette als Ganzes zu betrachten. Diese muss im Land gehalten werden. Davon profitiert am Ende der gesamte Finanzplatz. Start-ups sind ein wesentlicher Teil dieser neuen Wertschöpfungskette.

Märkte sind heute nicht mehr regional begrenzt und wenn die Schweiz nicht selbst in die Entwicklung und Gründung innovativer Start-ups investiert, werden Anbieter aus dem Ausland die Lücke füllen. Die Wertschöpfung wird abwandern und damit auch die Arbeitsplätze. Fintech und Finanzplatz sollten also nicht länger getrennt betrachtet werden. Denn es wird künftig keinen nennenswerten Finanzplatz mehr geben, der nicht gleichzeitig Fintech Hub ist.

  • Bürokratieabbau und eGovernment: Statt neue Regulierungen passend fürs letzte Jahrhundert (Arbeitszeiterfassung) einzuführen, sollten wir Bürokratie konsequent abbauen und in Sachen eGovernment beispielsweise von Estland lernen.
  • Kampagnen zum Start-up Hub Schweiz: Um im internationalen Wettbewerb der Standorte zu bestehen, muss die Schweiz lauter werden. Wir brauchen offensive, koordinierte Standortkampagnen, eine Politik der Ansiedlung von Holdinggesellschaften ist passé.
  • Mehr Internationalisierung: Schweizer Firmen brauchen Zugang zum EU-Binnenmarkt (PSDII, Passporting) – eine rein nationale Brille reicht nicht in einer globalisierten Welt. Ausserdem braucht es dringend eine Gesetzesänderung für Absolventen, denn momentan bilden wir hochtalentierte internationale Studenten aus, nur um sie mit Erreichen ihres Abschlusses aus dem Land zu schicken.
  • Bildung: Die Bildungspolitik sollte statt auf Wissensvermittlung verstärkt auf Förderung von Eigeninitiative und Kreativität setzen. Noch immer wird hauptsächlich normiert, Schwächen werden therapiert, statt Stärken zu entwickeln und auch Fehler zuzulassen (Culture of failure). Unternehmergeist wird zur wichtigsten Ressource der heutigen Zeit; diese sollten wir bereits in der Schule fördern.
  • Kultureller Wandel: Es sind nicht nur Start-up-Stars wie Mark Zuckerberg, die die Wirtschaft treiben. Innovationen werden vor allem von einer Kultur getrieben. Einer Kultur, die sagt, «besser scheitern, als es gar nicht erst zu versuchen». Das muss die Schweiz noch lernen. Politik, Wirtschaft und auch Medien stehen hier in der Verantwortung.

Der Wirtschaftsstandort Schweiz darf sein Potenzial nicht verschwenden, indem wir uns auf die Zuschauerränge zurückziehen.