Greenville Gardening in Bern, die Crêperie des Pâquis in Genf oder Peyer Fine Art in Zürich: Überall sind Bitcoins (BTC) gern gesehen. Die drei Geschäfte gehören zur wachsenden Community, welche die Nutzung der virtuellen Währung erlaubt. Die Webseite coinmap.org listet für die Schweiz schon mehr als einhundert Akzeptanzstellen auf. Weltweit sind es rund 9'000, die meisten in den USA und Europa.

Die Zahl der Akzeptanzstellen wächst mit der Zahl der Bitcoins, die geschaffen werden und in Umlauf kommen. Gab es 2010 erst zwei Millionen BTC, betrug ihre Zahl Anfang 2017 bereits 16 Millionen. Bitcoins können jedoch bis auf acht Stellen nach dem Komma berechnet und somit aufgeteilt werden. Der kleinste mögliche Wert sind also 0,00000001 BTC. Recht erratisch hat sich der Marktpreis der Bitcoins entwickelt.

Bis 2013 lag er gemäss der Webseite blockchain.info unter 20 Dollar. Schon 2014 aber explodierte der Kurs auf über 1000 Dollar – mehr als das Fünfzigfache. Nach einem Einbruch bis unter 300 Dollar in den Folgejahren kosten Bitcoins jetzt wieder rund 1000 Dollar. In Franken sind die Beträge beim aktuellen Wechselkurs nahezu gleich.

Grosser Bitcoin-Player aus Baar

Klar ist eins: Bitcoin bringt Veränderung. Davon ist auch Niklas Nikolajsen überzeugt. 2016 krönte die «Bilanz» den Bitcoin-Pionier zu einem der 100 einflussreichsten Schweizer Banker. In Baar führt er das Unternehmen Bitcoin Suisse, welches sich mit Brokerage, Trading und Beratung rund um Bitcoins befasst.

Das Unternehmen beschäftigt zwölf Mitarbeitende. In der Schweiz ist es laut Nikolajsen der grösste, in Europa einer der grösseren Marktteilnehmer auf dem Feld der Kryptowährungen. Monatlich werden Transaktionen für rund zehn Millionen Franken abgewickelt.

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung hat kein Bankkonto, um Werte aufzubewahren oder Finanztransaktionen zu machen. Bitcoin gibt ihnen diese Möglichkeit – einfach und direkt ohne Banken

Der Bitcoin ist für Nikolajsen vor allem ein effizientes Zahlungsmittel, welches man gut auf dem Handy mitnehmen kann. Bezahlen geht rascher als mit der Kreditkarte, die Transaktionskosten sind tiefer und man benutzt ein dezentrales System mit geringeren Missbrauchsrisiken. Die Stadt Zug hat auf seine Initiative hin im Sommer 2016 Bitcoin als Zahlungsmittel in der Stadtverwaltung zugelassen.

Im laufenden Jahr will Nikolajsen mit weiteren Projekten die Marktdurchdringung der BTC erhöhen. «Bitcoin soll nicht nur ein Zahlungsmittel für Tech-Freaks bleiben, sondern breite Akzeptanz finden», betont er. Dass man BTC auch an SBB-Automaten kaufen kann, findet er gut. Er würde sich allerdings noch mehr freuen, wenn man auch seine Bahntickets damit bezahlen könnte.

Kryptowährung einer spezifischen Community

Bitcoins sind eine sogenannte virtuelle oder Kryptowährung. Sie sind – so definiert es der Bundesrat in seinem 2014 vorgelegten Bericht zu diesem Thema – die digitale Darstellung eines Wertes, der im Internet handelbar ist. Dieser übernimmt zwar Funktionen von Geld, wird als Zahlungsmittel aber nur von den Mitgliedern einer spezifischen virtuellen Gemeinschaft anerkannt. Somit sind Bitcoins kein gesetzliches Zahlungsmittel.

Die reservierte Haltung offizieller Stellen ist verständlich: Hinter Bitcoin steht schliesslich die Idee einer nicht staatlichen Ersatzwährung mit begrenzter Geldmenge. Während nämlich die Zentralbanken Bargeld und die Geschäftsbanken Buchgeld in unbegrenzter Menge schaffen können, funktioniert das bei Bitcoin aus technischen Gründen nicht.

Bitcoins entstehen in einem Computernetzwerk, das kryptografische Aufgaben löst. Die dafür nötige Software ist Open Source und jeder kann sie herunterladen und teilnehmen. Somit ist das Bitcoin-Netzwerk als Peer-to-Peer-Netzwerk organisiert und alle Benutzer stehen sich grundsätzlich gleichberechtigt gegenüber.

Es gibt keine zentrale Instanz, welche die Transaktionen durchführt, kontrolliert oder verwaltet, schreibt die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht im Fachartikel «Bitcoins: Aufsichtsrechtliche Bewertung und Risiken für Nutzer».

Die Blockchain weiss alles – und jeder kennt sie

Jeder geschaffene Bitcoin bekommt eine Adresse aus Ziffern und Zahlen. Diese Adressen speichert der Besitzer des Bitcoins in seiner sogenannten Wallet. An der Adresse eines Bitcoins kann man aber nicht ablesen, wem er gerade gehört. Damit Nutzer Bitcoins transferieren können, tauschen sie einen Schlüsselcode aus, der die Transaktion autorisiert. Gemachte Transaktionen können nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Bezahlen geht rascher als mit der Kreditkarte, die Transaktionskosten sind tiefer und man benutzt ein dezentrales System mit geringeren Missbrauchsrisiken

Alle Daten des Bitcoin-Systems werden in Datenblöcken gespeichert. Jeder Block enthält die Daten einer bestimmten Anzahl von Bitcoin-Transaktionen. Jeder Block enthält ausserdem die Prüfziffer des vorhergehenden und des nachfolgenden Blocks. Dadurch kann ein einzelner Block nachträglich nicht mehr verändert werden – man müsste die ganze Kette ändern. Die Gesamtheit aller Blöcke – das ist die Blockchain (Block-Kette).

Die Blockchain-Datei in ihrer Gesamtheit ist damit die digitale Geschichte des kompletten Systems. Die Blockchain von Bitcoin ist laut Wikipedia die älteste existierende Blockchain-Datei. Sie reicht bis in den Januar 2009 zurück und hat mittlerweile eine Grösse von rund 105 Gigabyte. Auf mehr als 5400 Speicherorten liegt sie öffentlich zugriffsbereit vor.

Das Blockchain-Konzept ist die Grundlage für Bitcoin, sie kann aber auch für andere Vorgänge verwendet werden. Laut IBM-Studien werden in den nächsten Jahren weit mehr als die Hälfte der Banken produktive Lösungen auf Blockchain-Basis einsetzen.

Während das weniger als 20 Prozent schon 2017 vorhaben, wollen bis in drei Jahren rund 65 Prozent der Banken nachziehen. Das zeigen zwei Studien des IBM Institute for Business Value (IBV). Für die Studie «Leading the Pack in Blockchain Banking: Trailblazers Set the Pace» befragte man 200 Banken, für die Studie «Blockchain Rewires Financial Markets: Trailblazers Take the Lead» 200 global tätige Finanzmarkt-Institutionen.

Revolutionäre Technologie sucht Anwendung

Die Blockchain kommt aber auch abseits des Finanzwesens zum Einsatz. Unternehmen können damit Buchhaltungsprozesse darstellen. Während alle Parteien im Netzwerk sehen, dass eine Transaktion stattgefunden hat, erhalten Berechtigte auch die Detailangaben dazu.

IBM arbeitet ferner daran, die Blockchain zur Abwicklung von Verträgen einzusetzen. In einem Blockchain-basierten Netzwerk können Vertragsregeln digitalisiert erfasst werden. Bei jeder darauf basierenden Transaktion wird die Einhaltung der Regeln geprüft, andernfalls erfolgen automatisch ebenso definierte Sanktionen.

Für Niklas Nikolajsen haben Blockchain und Bitcoin das Potenzial zu einer technischen Revolution, ähnlich der Dampfmaschine oder dem Auto. «Blockchain und Bitcoin können das Internet von einem Netz der Informationen zu einem Netz der Werte wandeln», sagt er. Sie könnten vielen Menschen erstmals den Zugang zu Finanzdienstleistungen geben. «Bank the non-banked» ist für Nikolajsen die globale Perspektive.

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung hat kein Bankkonto, um Werte aufzubewahren oder Finanztransaktionen zu machen. Bitcoin gibt ihnen diese Möglichkeit – einfach und direkt ohne Banken. Allerdings dürfte es wie beim Auto oder dem Internet selbst noch einige Jahre dauern, bis die angelaufene Entwicklung ihr volles Potenzial entfalte. «Die Blockchain-Technologie wird sich noch Jahrzehnte weiterentwickeln, bevor wir wissen, wohin die Reise geht», sagt Nikolajsen.