Dank Uber, der Plattform für den raschen und kostengünstigen Einsatz von sonst herumstehenden Autos und beschäftigungslosen Fahrern, erfolgt eine effiziente Verwendung von Real- und Humankapital.

Dank Airbnb, der mittlerweile grössten «Hotelkette» der Welt, werden leer stehende Zimmer und Wohnungen einer höheren Nutzung zugeführt. Dank Amazon kann sich jeder Detailhändler ohne grosse Marketing- und Logistik-Investitionen einem globalen Publikum präsentieren, so dass kauffreudige Konsumenten auf weltweit verstreute Lagerhäuser zugreifen und sich Sachen zuschicken lassen können; die kapitalbindende Lagerhaltung hat sich durch Amazon und ähnliche Dienstleistungsplattformen entscheidend reduziert.

Alles deutet in dieselbe Richtung: Durch die dramatische Reduktion von Informations- und Transaktionskosten wird der Zwischenhandel in seiner Bedeutung herabgestuft oder gar eliminiert. Bislang ungenutztes Kapital, ob Häuser, Wohnungen, Autos oder beschäftigungslose Arbeitskraft, wird einer nutzenstiftenden Verwendung zugeführt.

Doch nicht nur das: Die noch relativ junge Blockchain-Technologie, ein auf Verschlüsselungstechnik beruhendes Verfahren zur zweifelsfreien Feststellung einer Beziehung zwischen Personen und Sachen – also dem, was wir «Eigentum» nennen –, wird es erlauben, auf Institutionen zur Durchsetzung von Ansprüchen weitestgehend zu verzichten.

Ein «intelligenter Vertrag» (Smart Contract) wird sich von selber abwickeln. Das gemietete Auto wird von selber zum Vermieter zurückfahren, falls sich der Mieter nicht an den Vertrag hält. Die ins ferne Entwicklungsland verschickte Maschine wird dank «Internet of Things» (IoT) nie und nimmer in Betrieb genommen werden können, falls die Zahlungsformalitäten falsch gelaufen sind.

Eigentumsallokation, institutionsarme Vertragsabwicklung: Auch hier also sind enorme Effizienzsteigerungen angesagt

Umgekehrt wird dieselbe Maschine von sich aus veranlassen, dass die Wartungsfachleute rechtzeitig eingeflogen werden, wenn ein Defekt droht. Eigentumsallokation, institutionsarme Vertragsabwicklung: Auch hier also sind enorme Effizienzsteigerungen angesagt.

Alles wird dadurch kostengünstiger und/oder qualitativ besser werden. Wir stehen mitten in einem säkularen Deflationsprozess, der den Konsumenten, gemessen an dem, was er mit denselben Mitteln früher erwerben oder veranlassen konnte, reicher macht.

Erleichterte Nutzung des bestehenden Kapitalstocks: Was könnte uns Besseres passieren? So weit zur realen Seite von Wirtschaft und Gesellschaft. Was passiert auf der Geldseite und beim Finanzkapital? Genau dasselbe.

Nur verstehen wir es weniger, weil ausser dem Bargeld und einigen noch physisch vorhandenen Wertschriften Geld und Kapital virtueller Natur sind. Unsichtbar und schlecht vorstellbar, aber extrem wichtig.

Dennoch: Gewisse Anzeichen eines auch in diesem Sektor nicht weniger dramatischen Deflationsprozesses haben wir selber schon erfahren. So wissen wir, dass wir jenseits aller traditionellen Gebührenordnungen von Banken bei Discountbrokern extrem günstig Wertschriften erwerben oder Devisen handeln können.

Wir kennen auch die traurig tiefen Aktienkurse einst stolzer Banken, die einfach nicht mehr richtig verdienen können. Wir wissen um die seltsame, wissenschaftlich unfundierte Geldpolitik der Notenbanken, die mittels extrem tiefer bis negativer Zinsen dazu beitragen, dass die Preise wertloser (weil nicht rückzahlbarer) Staatsschulden nicht in sich zusammenfallen.

Der Geld- und Kapitalteil der Wirtschaft steht im Vergleich zur Realwirtschaft noch eher am Anfang des grossen Geschehens. Es stellen sich existenzielle Fragen, sowohl bei den Institutionen als auch bei dem sie bedienenden Personal.

Die Digitalisierung wird keinen Stein auf dem andern belassen. Unnötig werdende Institutionen zu eliminieren, ist ein ökonomisch wie auch gesellschaftlich prekärer Prozess. Vieles kann schiefgehen.

Dennoch ist Optimismus gerechtfertigt. Denn wo nicht mehr für Reibungsverluste bezahlt werden muss, gewinnt die Entlöhnung echter Wertschöpfung. Wer in der Vergangenheit einen durchschnittlichen Vermögensberater einer durchschnittlichen Bank fragte, worin denn die Wertschöpfung seiner Arbeit liege, bekam im besten Falle schöne Worthülsen als Antwort.

Das Geschäft mit Geld und Kapital wird das in der Zukunft nicht mehr dulden. Die Digitalisierung wird noch vieles mehr zur austauschbaren Commodity werden lassen. Umso mehr Chancen haben Individualität und echte, unaustauschbare, mit Empathie verbundene Intelligenz.

Zur Person

Ab 1989 war Konrad Hummler bei Wegelin & Co. Privatbankiers, St. Gallen, tätig ; seit zwanzig Jahren wurde ein beispielloser Aufbau des Vermögens-verwaltungsgeschäftes bewerkstelligt; Wegelin verfügte Ende 2011 über 14 Niederlassungen in der ganzen Schweiz und bewirtschaftete mit über 700 Mitarbeitenden Kundenvermögen von etwa 24 Milliarden Franken.

Nach dem Notverkauf von Wegelin 2012 erfolgte ein Neubeginn in Form der M1 AG, eines privaten Thinktanks für strategische Zeitfragen. Er bekleidet des weiteren diverse Mandate bei nationalen wie auch internationalen Unternehmungen.