Die Schweizer Fintech-Szene lebt. Deutlich mehr als 100 Firmen, je nach Zählweise auch mehr als 200, tummeln sich mittlerweile in diesem Bereich. Laut der «IFZ FinTech Study 2016» der Hochschule Luzern ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren stark gestiegen: 2010 gab es nämlich erst 24 Fintechs.

Neben Start-ups hat die Hochschule – sie ermittelt über 150 Fintechs – auch Banken sowie Technologie- und Informatikunternehmen mitgezählt, deren Aktivitäten überwiegend dem Fintech-Bereich zuzurechnen sind. Mit 72 Firmen sind in Zürich die meisten ansässig, in Zug befinden sich 21 Unternehmen.

Die Schweizer Fintechs befassen sich laut IFZ-Studie vor allem mit folgenden Bereichen:

  • Analytics (Algorithmen-basierte Datenanalyse)
  • Banking Infrastructure (neue Banken-Software und -Tools)
  • Blockchain (Dezentrale Speicherung vergangener Transaktionen)
  • Deposit & Lending (Crowdfunding, Finanzierungen durch viele einzelne Geldgeber)
  • Investment Management (online anlegen und investieren von Geldern)
  • Payment (neue Zahlungsmethoden).

Nicht nur in der Schweiz, auch global haben Fintechs grosses Potenzial, zeigt der «Global Fintech Report 2016» der Unternehmensberatung PwC. Für die Erhebung wurden weltweit 544 Personen befragt, vor allem Geschäftsführer und Innovationschefs von Finanzdienstleistern aus 48 Ländern. Ergebnis: Bei Bankdienstleistungen für Retailkunden und im Zahlungsverkehr könnten bis zu 28 Prozent des Geschäftsvolumens zu Fintechs abwandern.

Bei Wealth und Asset Management sowie Versicherungen könnten es bis zu 22 Prozent sein. In den kommenden fünf Jahren wird man insbesondere beim Retailbanking und dem Zahlungsverkehr die Wirkung der Marktpräsenz von Fintechs zu spüren bekommen. Doch auch im Firmenkundengeschäft mit KMU sollen die neuen Player spürbar sein.

Medienhype statt Substanz

Eine vorsichtig gefärbte Prognose hört man allerdings von Marc P. Bernegger. Und der ist ein Mann der ersten Stunde: Als er sich schon 2010 für das Thema Fintech interessierte, wussten nicht viele, was das sein sollte. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Fintech-Unternehmern der Schweiz. Die Zeitschrift «Bilanz» führt ihn unter den 100 erfolgreichsten Bankern und den erfolgreichsten Schweizer Unternehmern unter 40 Jahren auf.

2008 verkaufte er das von ihm mitgegründete Portal usgang.ch an das Verlagshaus Axel Springer. 2010 wurde er dann Partner der börsenkotierten Fintech-Beteiligungsgesellschaft Next Generation Finance Invest. Heute ist sie Dachgesellschaft ihrer erfolgreichsten Frma Ayondo. Diese bietet Social Trading für Privat- und Firmenkunden an.

Nicht überall, wo Fintech draufsteht, ist auch Erfolg drin

Marc P. Bernegger ist Mitgründer der Finance-2.0-Konferenz in der Schweiz und seit Ende 2015 Aktionär und Schweiz-Botschafter des deutschen Fintech Company Builders Finleap. Der möchte sich mit Berneggers Unterstützung den Schweizer Markt besser erschliessen. Bernegger kennt dadurch auch die Berliner Fintech-Szene gut.

Aus Investorensicht äussert sich Marc P. Bernegger eher vorsichtig zur Branche. «Nach sechs Jahren in diesem Bereich muss ich feststellen, dass es nicht mehr Substanz bei den Firmen gibt, nur weil alle Medien mehr darüber berichten», sagt er. Qualitativ hat das Thema nicht gewonnen.

Die digitale Transformation findet statt. Sie wird Banken und Versicherungen massiv verändern und deren Wertschöpfungsketten aufbrechen. Es kommen neue Player in den Markt. Allerdings ist momentan auch eine gewisse Menge «heisser Luft» vorhanden. Jeder, der irgendwie etwas damit zu tun hat, setzt sich gleich den «Fintech-Hut» auf, findet er.

Nicht alle Fintechs haben Erfolg

Fintech-Firmen können sich mittlerweile ihre Investoren aussuchen. «Aus meiner Sicht hat das zur Folge, dass viele Firmen finanziert werden, die nicht unbedingt finanzierungswürdig sind», sagt Bernegger. Es sei einfach viel Geld da, das in den Sektor wolle.

Ausserdem seien die Bewertungen mittlerweile recht hoch. Für ihn und seine Partner sei das gut, da er schon früh eingestiegen sei. Wer sich aber erst vor ein oder zwei Jahren im Sektor engagiert hat, muss noch abwarten, ob er in fünf Jahren mit seinen Investments zufrieden sein wird, betont er.

Nachdem Marc P. Bernegger als einer der Ersten in Fintechs eingestiegen ist, rät er jetzt eher zur Vorsicht. «Nicht überall, wo Fintech draufsteht, ist auch Erfolg drin.» Gerade aus Investorensicht könne eine gesunde Distanz hilfreich sein. Für ihn sind die besten Fintechs diejenigen, welche nicht nur Umsatz, sondern auch Gewinn machen. Er weiss, das ist eine recht konservative Einschätzung.

Lending kann Banken wehtun

Natürlich gibt es Bereiche, die er für aussichtsreich hält. Da ist zum einen das Lending oder Kreditgeschäft. In der Schweiz, aber auch international gebe es erfolgreiche Firmen. «Das Lending ist für mich disruptiv, weil es eine Kernfunktion von Banken ersetzt», sagt Bernegger. Wenn das Kreditgeschäft zu solchen neuen Anbietern abwandere, werde das den Banken wirklich wehtun.

Beeindruckend findet er auch Geschäftsmodelle, die im Hintergrund Effizienzsteigerungen schaffen und für Konsumenten manchmal gar nicht sichtbar sind. Ein Beispiel könnte die Kreditwürdigkeitsanalyse mit Big Data sein. Banken fehlten schlicht die IT-Systeme, um so etwas zu machen.

Allerdings genoss man lange Jahre die verwöhnte Position und verband vor allem Innovationen nicht mit Erfolg

Auch verschiedene Ansätze beim Roboadvisory (automatisierte Anlageberatung) hält er für spannend. Die Kosten der Kundenakquise seien zwar sehr hoch. Durch die Kooperation mit Banken könne sich aber eine beiderseits vorteilhafte Situation ergeben. Die Banken haben nämlich die Kunden, die den Fintechs hier noch fehlen. Für sie ist aber das bisherige Betreuungsmodell zu aufwendig.

Da würde das schlanke und kostengünstige Roboadvisory gut hineinpassen. So komme ein Fintech zur Kundenbasis, und eine etablierte Bank könne einen unrentablen Bereich wieder rentabel machen. Gute Kooperationen von Banken mit Fintechs sind für Bernegger beispielsweise die Zusammenarbeit von Contovista mit den Kantonalbanken bei Personal Finance oder von Lendico mit der Postfinance für das Crowdlending.

Standort Zürich mit Aufholpotenzial

Im Rückblick auf die vergangenen Jahre zieht Bernegger ein eher verhaltenes Fazit für den Fintech-Standort Schweiz. Eigentlich hatte sie ja eine ideale Ausgangslage mit grossem Banking-Knowhow und einem starken Finanzplatz. Allerdings genoss man lange Jahre die verwöhnte Position und verband vor allem Innovationen nicht mit Erfolg. Zum einem war Schwarzgeld ein einfaches Geschäftsmodell, zum anderen fehlte die ausländische Konkurrenz.

«Schweizer Banken arbeiteten jahrelang auf einem abgeschotteten Markt und mussten nicht besonders innovativ sein», stellt Bernegger fest. Weil es der Branche so gut ging, wurden einige Entwicklungen einfach verschlafen. Zudem wirkte sich die Präsenz der grossen Finanzkonzerne in Zürich eher nachteilig auf die Fintech-Szene aus. Gute Hochschulabsolventen erhielten dort ohne grösseren Aufwand eine gute Stelle und verzichteten deshalb auf eigene unternehmerische Tätigkeit.

In Berlin fehle genau diese Chance, bei einem Grossunternehmen unterzukommen. Deshalb sei der Reiz stärker, etwas Unternehmerisches zu wagen. Laut Bernegger komme man in Berlin auch einfacher an Investorengelder.

«Die Stadt ist ein Standort für digitale Themen geworden, der viele Talente anzieht», sagt Bernegger. Mehrere US-Risikokapitalfirmen seien in Berlin präsent und investierten nur in Berliner Unternehmen. Sie gingen gar nicht nach Hamburg oder München, weil ihnen nur das Berliner Ökosystem stark genug erscheine, so Bernegger.

Daten- statt Bankgeheimnis?

Allerdings holt die Schweiz aus seiner Sicht derzeit stark auf. Schweizer Fintechs sollten aber nicht nur den Schweizer Markt im Blick haben. Erst mit globalen Ambitionen bestehe die Chance, etwas dauerhaft Erfolgreiches aufzubauen. In der Schweiz sollte man sich ausserdem auf Themen fokussieren, die zu den bisherigen Stärken des Finanzplatzes passen.

Das wären beispielsweise das Wealth Management oder Sicherheit. Die Schweiz könnte mit einem Datengeheimnis statt einem Bankgeheimnis punkten. Grosse Chancen räumt Bernegger auch Themen wie Kryptowährungen oder Blockchain ein. Das Crypto Valley bei Zug hat bereits viele spannende Firmen aus diesem Bereich angezogen. «Da macht sich die Schweiz für zukunftsträchtige Themen interessant, bei denen noch keiner weiss, wohin die Reise wirklich geht», sagt Marc P. Bernegger.

Der Bundesrat arbeitet derzeit an besseren Rahmenbedingungen für die Branche. Ende 2016 stellte er den «Bericht über die zentralen Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft» vor. Darin bricht er eine Lanze für die Fintechs: «Ein dynamisches Fintech-System kann wesentlich zur Qualität des Schweizer Finanzplatzes beitragen und dessen Wettbewerbsfähigkeit stärken», heisst es im Kapitel über das Thema Digital Finance.

Dort greift der Bundesrat die zentralen Punkte der vom Finanzdepartement bereits formulierten neuen Finanzmarktpolitik auf. Für Fintechs soll es künftig eine einfachere Bewilligungskategorie unterhalb der Bankenbewilligung geben. Hier können sich Firmen tummeln, die maximal 100 Mio. Franken an Publikumseinlagen annehmen.

Für Crowdlendingplattformen fallen zudem alte Hürden: Neu dürfen auch mehr als 20 Anleger in ein Kreditprojekt investieren. Damit können künftig mehr Beträge zu grösseren Kreditvolumina gepoolt werden. Die vorgesehene Regulierung verschafft dem Schweizer Fintech-Ökosystem nun zeitgemässe Rahmenbedingungen.