Da werden Erinnerungen an die Zeit kurz vor dem Platzen der Internet-Blase wach, wo in einer Art Hype jedes Gespräch nur noch von Technologie-Aktien handelte. Sind wir jetzt wieder so weit? Signalisiert die anhaltende Medien-Präsenz das baldige Platzen der Fintech-Blase?

Der inkrementelle Fortschritt

Schon morgens fängt es an: Dann werden sofort kleine Updates auf unseren Mobilgeräten gestartet, meist ohne dass wir es merken. Diese täglichen Updates sind inzwischen Normalität. Sie haben sich auch längst im restlichen Leben eingefunden.

Sei es in Elektronik-Geräten, im Auto, in der Küche oder auch auf der Strasse, im Zug oder bei unseren Bankgeschäften. Wenn wir zurückschauen, wundern wir uns höchstens noch, wie wir das früher ohne Online-Banking, iPhone und Navigationsgerät geschafft haben – und weshalb wir das nicht früher haben kommen sehen.

Die Fintech-Szene agiert dabei ähnlich: Einzelne Kooperationen und Projekte verändern die Bankenlandschaft schrittweise, eben inkrementell. Ein revolutionärer Big Bang blieb aus – bisher.

Trotz Fintech ist es heute noch oft so, dass wir neue Technologie erlernen müssen. Um zum Beispiel Apple Pay zu nutzen, muss man bestimmte Kreditkarten angemeldet haben. Dabei leben wir eigentlich jetzt schon in einem Zeitalter, in welchem die Technologie den Menschen verstehen könnte und nicht andersherum.

Sind wir einmal dort angekommen, dass die Finanzdienstleistungen automatisch voll integriert im Hintergrund laufen, dann ist die Evolution der Revolution gewichen. Denn dann steht nicht die Technologie, sondern der Kunde im Vordergrund.

Die vorhandenen Potenziale sind noch längst nicht ausgeschöpft

Der inkrementelle Fortschritt betrifft alle Facetten des Banking. Exponentielle Entwicklungen lassen sich mit traditionellen Mitteln nicht voraussehen. Erinnern Sie sich daran, wie Sie sich vor ein paar Jahrzehnten einen Roboter vorstellten? Als klobiges Ding mit hydraulischen Armen und einem Monitor als Gesicht?

Diese Entwicklungen zeigen auf, wie Neues entstehen kann! Digitalisierung ist hier nicht zum Teilbereich einer Abteilung geworden, sondern wird zur Grundlage der ganzen Unternehmung

Diese Vorstellungen waren allesamt falsch. Wir leben heute bereits inmitten eines Roboters, ohne es überhaupt zu merken. Die Vernetzung der Geräte über das Internet der Dinge, die laufende Erhöhung der Internet-Bandbreite und die immer stärker werdende Rechenleistung sind Treiber neuer Entwicklungen. Die Grenzen zur physischen Welt verschwinden.

Sämtliche Geschäftsaktivitäten lassen sich heute entlang der Wertschöpfungskette vernetzen. Während Banken sich heute oft noch mit dem Ersatz physischer Werte beschäftigen (zum Beispiel von Karten zu E-Wallets), entsteht selten etwas wirklich Neues, wie es mit Web, Cloud und Mobile eigentlich möglich wäre.

Andere Branchen sind bereits hyper-digitalisiert ...

Google, Amazon, Facebook, Apple – die sogenannten GAFA – sind hier in der Entwicklung schon viele Schritte weiter. Dadurch dass sie den Kunden (beziehungsweise dessen Daten) konsequent in den Mittelpunkt stellen, entstehen neue Produkte und Dienstleistungen. Amazon hat mit Lieferungen am Folgetag begonnen.

Darauf folgte die Lieferung am selben Tag und in Ballungsgebieten innerhalb derselben Stunde mit «Prime Now», zum Beispiel in Berlin. Prime Now setzt auf «Crowdsourced Delivery», wo die Verteilung über Private analog dem Uber-Prinzip funktioniert (Amazon Flex). In der Zwischenzeit hat Amazon mit Versuchen für «anticipatory shipping» begonnen: Waren werden geliefert, bevor sie der Kunde überhaupt bestellt hat! Möglich machen das ausgeklügelte Algorithmen, die das Verhalten von Kunden im Voraus antizipieren.

Mit Amazon Echo stellt Amazon zudem ein Gerät in den Haushalt, das mittels Sprachsteuerung die Verbindung zum Internet ermöglicht. Bereits acht Prozent aller US-Haushalte nutzen heute Amazon Echo. Diese Entwicklungen zeigen auf, wie Neues entstehen kann! Digitalisierung ist hier nicht zum Teilbereich einer Abteilung geworden, sondern wird zur Grundlage der ganzen Unternehmung.

Der Druck im E-Commerce und auf Lieferunternehmen ist so gross geworden, dass nur durch solche Entwicklungen das Überleben gesichert werden kann. Sie erweitern ihr Geschäftsmodell horizontal und vertikal und drängen etablierte Anbieter aus dem Markt. Beispiele wie Uber, welches in der Zwischenzeit in Mexiko mit der Ubercard auch Kreditkarten anbietet, um die Abwicklung zu erleichtern, sind erst der Anfang.

... und drängen konstant auch in den Bankenmarkt vor

Einige grosse Banken werden den Spagat schaffen, die alten Legacy-Systeme zu modernisieren und gleichzeitig die Kundenschnittstelle so weit zu modernisieren, dass sie den Kunden nicht verlieren. Auch kleinere, agile Institute mit hoher Technologiekompetenz in der Geschäftsführung fallen unter diese Kategorie. Andere werden nur noch Hintergrundsysteme anbieten und an der Front komplett von Fintech-Firmen abgelöst.

Seit 2015 mit Fintech 3.0 haben nun einzelne Institute begonnen, sich komplett zu transformieren und selber wie Start-ups zu agieren

Diese Banken werden austauschbar. Deshalb haben Institute damit begonnen, einzelne Fintech-Dienstleistungen zu implementieren und daneben eigene Innovationen anzubieten. Nicht ausser Acht lassen darf man aber die GAFA, welche im europäischen Finanzmarkt bereits begonnen haben, Fuss zu fassen.

Sei es Google Wallet, Apple Pay, Facebook Messenger Payments oder Checkout by Amazon. Auch Bankenlizenzen wurden bereits beantragt. Es wird sogar darüber geredet, dass Amazon plant, Capital One – immerhin eine der Top-Ten-Banken in den USA – zu übernehmen und zu integrieren. Ein weiterer Schritt in der Durchgängigkeit des Kundenerlebnisses.

Der Bezahlvorgang rückt wie bei der Fahrt mit Uber voll integriert in den Hintergrund – neu auch noch mit der Erweiterung, dass die Bank dem Anbieter gehört. Kreditvergabe ist der logische nächste Schritt. Diese neuen Konkurrenten, welche es verstanden haben, bereits die nächste Welle der Digitalisierung zu verinnerlichen, werden den Druck noch massiv erhöhen.

Partnering und Start-up-Kooperation als Weg zur Revolution?

Viele Start-ups werden nur aufgrund einer neuartigen Technologie oder einer Idee gegründet. Noch ohne genau zu wissen, was das Anwendungsgebiet sein wird. Durch steten Austausch mit dem Umfeld, durch Anpassung der Idee, durch Kooperation mit branchenfremden Partnern entstehen auf einmal Dienstleistungen, die für angestammte Finanzinstitute disruptiven Charakter haben. In der Bankbranche kamen in den vergangenen zehn Jahren die Innovationen vielfach von kleinen Start-ups, welche einzelne Dienstleistungen «modernisierten».

Bis 2010, im Zeitalter des Fintech 1.0, ging es um die Erneuerung von  Bankenservices oder auch um das blosse Zusammenfassen. Disruption war das Schlagwort. Ab 2010 sind die Banken im Fintech 2.0 aufgewacht und haben begonnen, sich im Fintech-Bereich zu engagieren. Sei es über Investments oder über Partnering.

Seit 2015 mit Fintech 3.0 haben nun einzelne Institute begonnen, sich komplett zu transformieren und selber wie Start-ups zu agieren. Die ING in Holland positioniert sich beispielsweise inmitten eines Netzwerks zwischen Facebook, Whatsapp, Apple und Amazon. Auch kleinere und grössere Start-ups sind dabei Teil dieses Netzwerks. Damit sichert sich ING nicht nur die Kundenschnittstelle, sondern auch ihre wichtige Rolle im digitalen Ökosystem.

Die Hyper-Digitalisierung macht die Revolution

Die Geschwindigkeit des Wandels wird durch immer neue Innovationen laufend verstärkt und betrifft jede Industrie. Die technologischen Erneuerungen sind längst Realität, so wie Chatbots im direkten Kundenkontakt.

Die Digitalisierung und die Verfügbarkeit von günstigen Technologien hat die Gründung von Start-ups beschleunigt. Von Lösungen an der Kundenschnittstelle haben sich die Start-ups über Regtech bis nach hinten ins Backoffice vorgearbeitet. Die Angebote haben sich vom ursprünglichen B2C zu B2B gewandelt. Doch auch diese Innovationskurve wird langsam flacher.

Die Anzahl Investments in Fintech-Unternehmen hat in den vergangenen zwölf Monaten abgenommen. Parallel ist die Hyper-Konnektivität durch Sensoren, Predictive Analytics durch Algorithmen und Big Data und die Automatisierung durch Robotics so massiv gestiegen, dass schon die nächste Kurve begonnen hat: die Hyper-Digitalisierung.

Diese schafft ein so smartes und vernetztes Umfeld, in welchem benötigte Dienstleistungen, analog einem Butler, im Hintergrund erbracht werden. Im Idealfall noch bevor der Kunde überhaupt weiss, dass er sie braucht. Die Hyper-Digitalisierung wird die Banken revolutionär verändern.

Fazit

Eine Blase im Fintech-Markt ist trotz abnehmenden Investitionsvolumens nicht auszumachen. Eine Evolution jedoch sehr wohl. Jedes Unternehmen muss die Balance zwischen analogem, digitalem und hyper-digitalem Umfeld finden.

Die Fragmentierung von einzelnen Kundenangeboten weicht dabei einem durchgehenden Kundenerlebnis, in welchem es nicht mehr darauf ankommt, von wem die Dienstleistung stammt.

Die eigentliche Finanzdienstleistung rückt damit in den Hintergrund. Finanzdienstleister, die nicht verstehen, dass es bei Fintech weder um «Financial» noch um «Technology» geht, sondern um den Kundenmehrwert, werden die nächste Welle nicht schaffen. Banken, die heute bereits scheitern, Kunden vorausschauend die Kreditkartenlimite in ihren Ferien automatisch zu erhöhen, haben noch viel zu tun.

Die «Fintegration» von Risk-Assessment-Modellen, neuen Kapitalallokations-Methoden, Unterstützung durch Regtech-Start-ups und Blockchain-basierten Lösungen ist nur die Vorstufe dieses Fortschritts.

Generell ist die Bankbranche mit Fintech auf dem richtigen Weg. Die Reifeprüfung folgt jedoch erst mit Eintritt branchenfremder Unternehmen, welche die Bankdienstleistung im Serviceangebot bereits integriert haben. Die Antwort darauf wird erst zur wahren Revolution der Financial-Services-Industrie.

Zur Person

Damir Bogdan, Digitalization & Innovation Lead Actvide AG berät Unternehmen in Bezug auf die Digitalisierung und Innovation.

Er ist sowohl in der Schweiz wie auch im Silicon Valley tätig, wo er als Mentor für Startups wirkt und Strategie-Workshops für Geschäftsleitungen organisiert.

Von Plug and Play, einem Accelerator im Silicon Valley, ist er als Ambassador Europe mandatiert.